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Von der Abstraktion der Gegenständlichkeit-
Neue Arbeiten von Elisabeth Busch-Holitschke

Wir meinen zunächst wohl bekannte Gegenstände zu entdecken: Harken und Schüppen, Eimer und Besen, Schaufeln, Sensen, Fliegenklatschen und Schubkarren. In unseren Köpfen entstehen ländliche Assoziationen, fernab von Technik und reizüberflutenden Großstadteindrücken, man denkt an Gartenarbeit oder solche Aufgaben, die notwendig sind, um das Haus in Ordnung zu halten. Obwohl sie auf den ersten Blick gegenständlich wirken, wird gerade die Funktionalität die - ser vermeintlichen Stücke schnell zum hinterfragten Moment.

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Die neuen Arbeiten von Elisabeth Busch-Holitschke sind textile Arbeiten.
So irritiert das zweite Hinsehen: Die Gegenstände sind weich; aus Stoff und Watte genäht. Die Fäden an den Nahtenden hängen lang herab. Die „Werkzeuge“ können nicht für den Zweck, den ihre Form vorgibt, benutzt werden. Durch die verfremdete Materialität sind sie nutzlos geworden. Auch die blütenweiße Farbe der Stoffe, aus denen sie genäht wurden, widerspricht geradezu ihrer Aufgabe in dieser Welt, wo sie Erde urbar machen, vom Schmutz befreien oder von Fliegenplagen erlösen sollen. Die Werkzeuge werden gewissermaßen neutralisiert für den neuen Blick des Betrachters. Der scheinbare Mangel auf der einen Seite, schafft aber auf der anderen Seite den besonderen Reiz. Wie wir es bereits aus den Werken wie etwa denen von Claes Oldenburg kennen, werden wir als Betrachter eingeladen, einmal einen ganz neuen Blick zu wagen. Einen Blick, der nicht gleich auf den Gewinn gelenkt ist, den man mit einem solchen Gegenstand erzielen kann, sondern der sich mit ihm selbst beschäftigt; der uns seine Form bewusst vor Augen führt und der uns auf diese Weise sensibilisiert für das Schöne, Leichte und Witzige, aber auch für das Skurrile, Absurde und vielleicht Bedrohliche dieser Formen; und jene werden uns auch deshalb bewusst, weil die Künstlerin sie uns in reinem Naturweiß, der Farbe der Unschuld, der Unbeflecktheit und der Neutralität präsentiert. Wir werden empfänglich für die zeitlose Ästhetik der Linien, Ecken und Kanten und ebenso für die weichen Rundungen. Dabei wird der Entstehungsprozess nicht verschwiegen. Die Nähte der Füllstoff, der aus diesen quillt und die langen Fäden an den Enden werden nicht versteckt wie die Schnittmuster für die Werke, die in das Gesamtkonvolut integriert werden. Auf diese Weise wird die fremde Materialität einmal mehr betont.

Einige Gegenstände scheinen uns besonders vertraut. Denn Elisabeth Busch-Holitschke hat neben dem naturweißen Nesselstoff, Hand gestickte Tischdecken aus dem Hausstand der Eltern und Großeltern verarbeitet. Solche, die den älteren noch vertraut sind als Sonntagstischdecken, an denen man sich ordentlich zu benehmen hatte und nicht kleckern durfte, die aber den Mahlzeiten andererseits einen besonderen Wert verliehen und das Sonntagsessen zum wichtigsten Versammlungsgrund für die ganze Familie werden ließ.
Es gab ein aufwändiger gekochtes Essen als an den Wochentagen oder einen selbst gebackenen Kuchen. Mahlzeiten also, die für viele junge Menschen in Zeiten von Convenience und Fastfood heute lange nicht mehr selbstverständlich sind.



Damit werden die Arbeiten, die aus den Tischdecken gefertigt sind,
im Gegensatz zu jenen Neutralen aus Nesselstoff mit einer weiteren
Bedeutungsebene aufgeladen. Mit der heimischen Idylle, mit der guten
alten Zeit und ebenjenen Schattenseiten, die ebenso dazu gehörten.
Dabei lenken die Muster und Farben der ehemaligen Tischdecken die Assoziation des Betrachters. Die gestickten Tannenzweige etwa, die sich fast wie eine Bordüre am inneren Rand der genähten Schubkarre aneinander reihen, erinnern mit der Form im Innern an einen Sarg,
die bunten Blumen auf dem „Eimer“ lassen an duftig frisch geputzte
und mit Blumen geschmückte Räume denken. Was dem einen Erinnerungen
an leuchtende Augen und an vergangene schöne Feste im Kreise der Familie sind, sind dem anderen vielleicht schreckliche Gedanken an
unbequeme Sonntagskleider, steifes Sitzen und Langeweile, oder an schwere Zeiten in Armut, Kälte und mit harter Arbeit. Hier wird der Betrachter eingeladen, seine Gedanken zum Thema selbst zu formulieren.
Elisabeth Busch-Holitschke zerschneidet diese Symbole häuslicher Integrität für ihre Kunstwerke und stellt damit die bürgerliche Idylle in Frage. Das, was unseren Großmüttern und Müttern noch als
Wichtiger Teil der Aussteuer galt, hat heute vielfach seinen Wert verloren. Das Leben ist Wandel. Dinge die einst wichtig und wertvoll waren, werden jetzt durch andere ersetzt.
Stoffe Schnittmuster und Füllwatte sind der Künstlerin aus Kindertagen wohl bekannt. Mit einer Schneiderin als Mutter und in der Polsterei des Vaters, die ihr oft als Spielplatz diente, aufgewachsen, sind Materialien und Arbeitsprozesse ihr seit langem vertraut. Und auch in ihrem eigenen künstlerischen Werk sind die textilen Arbeiten ein einsichtiger Schritt. Neben ihren Arbeiten in Ton, die während des Entstehungsprozesses ja ebenfalls dreidimensional, weich und formbar waren, begann sie mit der Goldtafel eine erste Annäherung an verfremdete Alltagsgegenstände in Verbindung mit Stoffen. Es folgten die genähten Stühle und die großen genähten Porträts, wo bereits das Thema der lang herabfallenden Endfäden zu finden ist. Immer wieder wird daneben die Natur Teil ihrer Werke. So verarbeitete sie etwa Gras und Stroh in ihren Tonarbeiten oder sie setzte sich mit dem Thema Wege in der Landschaft auseinander.
Mit den neuen Arbeiten hat Elisabeth Busch-Holitschke sich einmal mehr positioniert ohne in Widerspruch zu den früheren Werken zu treten. Es ist vielmehr die folgerichtige Entwicklung einer Künstlerin, die sich mit der Vielschichtigkeit der alltäglichen Dinge mehrdimensional auseinandersetzt.

Dr. Dagmar Täube
Kunsthistorikerin

Porträts genäht Baumwolle
verschiedene Größen
2009 – 2012

„... die Porträts hängen wie Wimpel im Raum, die gezeichnete Idealform der geplanten weich fließenden Kontur wird durch den Maschinenstich durchbrochen nahezu zerstückelt. Die Maschine erschließt sich ihre eigenen Wege, es wird riskiert, dass es anders wird als geplant und die Situation niemals ganz zu kontrollieren ist. Der belassene Nähfaden kennzeichnet Anfang und Ende der genähten Linie und gibt dem Portrait einen eigenen Ausdruck ……“

(Jutta Saum Kunsthistorikerin)

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Elisabeth Busch-Holitschkes PORTRÄTS sind gewissermaßen Maschinenstichzeichnungen auf Nessel. Der Maschinenstich ersetzt die gezeichnete Linie, wodurch sich zuweilen eigene, unkontrollierbare Verläufe ergeben. Nessel als Bildträger ermöglicht die Hängung als Wimpel im Raum und das eröffnet eine ganz neue, unerwartete Dimension der Porträtzeichnung, weil sie beidseitig zu betrachten ist.
Zunächst erinnern ihre Exponate an ihrer Reduktion auf die Linie an die Frauenzeichnungen von Matisse oder die Kinderzeichnungen von Picasso. Aber die Porträts sind nicht wie die von Matisse oder Picasso Zeichnungen von bestimmten Menschen, vielmehr erscheinen sie wie Symbole für entsprechende Menschentypen. Und durch ihre belassenen Nähfäden geschieht Unerwartetes. Sie assoziieren Bewegung, Haare im Wind oder gar Tränen, betonen typische Charaktermerkmale. Sie erzählen von der Flüchtigkeit einer Begegnung, den Gesichtern in einer vorbeiziehenden Menschenmenge, werden zu Wunschbildern unserer Tagträume. Auch in diesen Werken zeigt sich die Fähigkeit von Elisabeth Busch-Holitschke trotz äußerster Reduktion auf das Wesentliche dennoch ihre Poesie ins Spiel zu bringen und so den weiteren Prozess im Kopf des Betrachters auszulösen.

(Anna Neumann Kunstpädagogin)

Mauerwerk
genäht aus Taschentüchern

Ein Mauerwerk, genäht aus alten Taschentüchern mit Abnutzungsspuren. Taschentücher die für das Alltägliche genutzt wurden, aber auch zum Teil bestickte oder umhäkelte Tücher für besondere Tage und Gelegenheiten.

Zarte Alltagstücher, einst gedacht für empfindliche Nasen, zeigen heute ein Stück Lebensgeschichte aus längst vergangenen Zeiten.

Aus diesen durchscheinenden Tüchern wurde ein Mauerwerk genäht, mit Fäden die nicht abgeschnitten wur - den und den heutigen Arbeitsvorgang offen zeigen.

Kuchenschaufeln
genäht aus alten, gebrauchten und zum Teil bestickten Tischdecken
2016

Genähte Objekte
die Gegenstände sind weich, aus Stoff genäht und mit Füllwatte gestopft. Die Fäden hängen an den Nahtenden lang herab, der Füllstoff quillt aus den Nähten. Der Entstehungsprozess wird nicht verschwiegen. Handgestickte Tischdecken und weiße Leinentischtücher, solche die den älteren noch als Sonntagstischde - cken und der Aussteuer zugehörig vertraut sind, wurden verarbeitet. Tischdecken, an denen man sich ordentlich zu benehmen hatte, die aber den Mahlzeiten einen besonderen Wert verliehen.

Was unseren Müttern und Großmüttern noch als wichtiger Teil der Aussteuer galt, hat heute seinen Wert verloren. Das Leben ist Wandel, Dinge die einst wichtig waren, werden heute durch andere ersetzt

Dr. Dagmar Täube
Kunsthistorikerin

Drahtkleid, Schuhe und Kokons

Ein Drahtkleid, ein paar Schuhe, Kokons in verschiedenen Größen, gehäkelt aus Silberdraht.

Das Drahtkleid mit den Schuhen und die unterschiedlich großen Kokons sind vor der weißen Wand kaum wahrzunehmen.

Ein Hauch von nichts, ein brüchiger Kokon. Eine Hülle aus dünnem Gespinst.

Auf der einen Seite wird die Vergänglichkeit durch die stehen gelassenen Drähte und die vermeintliche Fragili - tät des fast unsichtbaren deutlich. Andererseits beinhaltet sie auch die positive Veränderung/Entwicklung und die Loslösung aus bereits überwundenem.